Könnten Straßenbahnen erzählen - Klaus Edelmann - 27.03.2020

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Klaus Edelmann
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Könnten Straßenbahnen erzählen - Klaus Edelmann - 27.03.2020

Beitrag von Klaus Edelmann »

>>> Text im Rahmen der Online-Werkstatt <<<

Könnten Straßenbahnen erzählen
von Klaus Edelmann; Veröffentlicht hier am 27.03.2020

Die neuen Trams in Chemnitz finde ich super. Schon von außen sehen sie bequem aus. Doch oft genug scheinen sie zu rufen: Steig ein!
Leer, wie sie sind, erinnern sie mich an andere Zeiten und einen anderen Ort.

Seltsamer Weise ist die erste Erinnerung an rumpelnde und in Kurven arg quietschende Gefährte ihrer Art eine einfache Szene.
Alle Sitzplätze waren belegt und ich bot einer gerade zugestiegenen älteren Dame meinen an. Sie freute sich so darüber, dass ich mir von ihrem Dankeschön ein Eis kaufen konnte.
Das war so etwa vor sechzig Jahren und blieb wohl deshalb haften, weil ich schon damals vieles hinterfragte. Bis heute unbeantwortet: Waren Kinder -damals schon- eher unhöflich?

Anderes blieb im Gedächtnis. Die Straßenbahn als Fieberthermometer. Unmöglich? Bei mir war nichts unmöglich.
Als Kind habe ich mir im Frühling oft eine Angina zugelegt. Wann sie im Anzug war, erzählte mir die Fahrt mit der Straßenbahn. Selbst im Sitzen wurde mir dann so schwindlig, dass ich an der nächstbesten Station raus musste – egal, wo sie war. Zu Hause bestätigte die Fiebermessung nur, was die Tram schon erzählt hatte.

Am schönsten war die Fahrt mit der Tram, wenn der Triebwagen einer der ganz alten war. Ich konnte mich neben den Fahrer stellen, hatte damit in Fahrtrichtung eine herrliche Aussicht und, viel zu selten, ich konnte mich sogar mit einer Fahrerin wunderbar unterhalten. Doch meistens waren es Herren der speziellen Sorte, die im Fahrerstand thronten. Unnahbar, eingebildet, und für kleine Jungs nicht zu sprechen.

Natürlich – weniger Schönes gab es auch. Bot Anlass, nachzudenken.

Ich war zehn und Heiligabend stand vor der Tür. Doch noch waren keine Ferien. Es war schon dunkel, als ich mit der Tram nachhause fuhr und ich stand diesmal im Heck des Wagons. Dicht hinter ihm fuhr ein Mann auf einem Moped. Ich erkannte ihn. Er wohnte eine Treppe höher über uns und mit den beiden Söhnen der Familie spielte ich am liebsten. Sie wollten nie klüger sein als ich, schrien nicht und es gab nie Streit wie mit den anderen Jungs im Hof.
Meine Eltern aber hielten Abstand zur Familie. Wohl, weil die Frau eine strenggläubige Christin war.
Ich fragte nicht und sie sagten es mir nie.
An diesem Tag vor Weihnachten aber sah ich Herrn Zindler zum letzten Mal. Und wohl auch als Letzter im ganzen Haus. Denn am nächsten Morgen erfuhr ich: Er war an der Kreuzung, an der er hatte halten müssen, während die Bahn weiterfuhr, vom Moped gefallen. Herzinfarkt. Mit gerade erst vierzig Jahren.
In der Folge zog sich Frau Zindler noch mehr zurück in ihren Glauben. Mit den Söhnen konnte ich nicht mehr spielen, zumal wir nicht lange nach Jahresende umzogen. Mit der Ankunft eines Brüderchens war die Zwei-Zimmer-Wohnung endgültig zu klein für eine nun fünfköpfige Familie.
Der Zufall wollte es, dass ich nun Frau Zindler und ihre Söhne jeden Sonntagmorgen zumindest sehen konnte. Sie liefen am Haus vorbei zur Kirche. Ein drei Straßenbahnhaltestellen weiter Weg. Doch sie liefen. Hand in Hand.

Viele Jahre später wurde diese Erinnerung erneuert – natürlich bei einer Fahrt mit der Tram.
Inzwischen ziemlich weit von der “ Heimat“ entfernt wohnend schaute ich in mir mit jedem Besuch immer fremder werdende Straßen. Vermisste das Grün einstiger Gartenanlagen, das grauen Betonblöcken hatte weichen müssen.
Plötzlich schaute ich auf. Mir gegenüber hatte ein Mann Platz genommen, dessen Gesicht mir immer noch vertraut war. Der jüngere der Brüder der Familie Zindler. Welch ein Zufall!

Doch kein Jubel. Ein bisschen Neugier.
In den vielen Jahren habe ich weiter und immer wieder hinterfragt.
Und die Familie Zindler war ein ganz besonderer Denkanstoß.
Denn er, den ich, auf dem Moped sitzend, in Erinnerung hatte – er sollte Kommunist gewesen sein, war auf jeden Fall Mitglied der SED.
Ein Kommunist und eine Christin – das gab zu denken.

Ich stellte die Frage. Eigentlich nur, um eine Bestätigung zu bekommen. Für meine Gedanken. Meine Überzeugung.
„Hat Deine Mutter wieder geheiratet?“ Die Antwort kam und keine Überraschung im Ton. Keine Wehmut. Ein Lächeln. „Nein“.
Wir könnten immer noch ohne Streit miteinander spielen. Bin ich mir sicher.

Heyne
Beiträge: 3
Registriert: Do Apr 02, 2020 12:05 pm

Re: Könnten Straßenbahnen erzählen - Klaus Edelmann - 27.03.2020

Beitrag von Heyne »

Hallo Klaus, das ist eine sehr schöne Geschichte, die nicht nur der heute schon geschichtlich überholten Technik von damals gedenkt, sondern auch sehr lebendig an einen Spielkameraden und seine Familie erinnert. Das macht sie besonders wertvoll.
Auch ich erinnere mich an die alten Straßenbahnen mit dem Interieur aus Holz, dem Durchzug bei offenen Abteiltüren und dem Quietschen. Allerdings war ich da bereits kein Kind mehr, denn die wenigen Male, da ich als Kind vom Dorf in die Stadt kam, da musste schon Ostern und Weihnachten zusammenfallen. Da erinnere ich mich nur an die erste Schweinekopfbockwurst, die es ohne Marken und zum HO-Preis gab. Aus ihr tropfte das Fett zu Boden und sie verklebte den Mund, den ich erst zu Hause abwaschen konnte. Denn für eine Bockwurst und dazu eine Limo zum Runterspülen reichte das Geld nicht.
Deine Geschichte würde ich gerne in einer unserer nächsten Anthologien lesen.

silver-curl
Beiträge: 19
Registriert: Di Apr 28, 2020 4:48 pm

Re: Könnten Straßenbahnen erzählen - Klaus Edelmann - 27.03.2020

Beitrag von silver-curl »

Hallo, Klaus
In der Erinnerung ist oftmals alles schöner, geht mir jedenfalls so. Ich finde deine Geschichte auch gut. Den 1. Teil könnte man meiner Meinung nach weglassen. Du weißt ja, in der Kürze liegt die Würze. ;)
liebe Grüße silver-curl

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