Schutz

Wir lassen uns nicht unterkriegen. Um unseren Literaturbetrieb auch in diesen schwierigen Zeiten fortsetzen zu können, hat der Vorstand ab sofort diese Online-Werkstatt ins Leben gerufen. Jedes Vereins-Mitglied, der Interesse zur Diskussion seiner Texte hat, kann diese beim Vorstand einreichen. Wir werden sie dann hier veröffentlichen und zur Diskussion freigeben.
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Elli
Beiträge: 8
Registriert: Do Jul 23, 2020 7:45 am

Schutz

Beitrag von Elli »

Wir sind hier.
In einem Land so viel zu nehmen und zu geben.
Und die Welt versteinert.
Worauf dürfen wir uns freuen?
Die Leben der anderen.
Die Freundschaft der Liebenden.
So im Klang des Grüns.
Und im Sturm der gezielten Wandel.
Eine Wanderung.
Können wir uns vergeben?
Und wir warten auf die Folgen.
Reaktionen im Reagenzglas der Macht.
Doch nie sicher vor dem ungestümen Temperament der Natur.

Wir sind hier.
Und bilden die Form gnadenlos und beständig.
Im Seelenlicht scheinen
Und werden wir es einen.
Verweilen und im Schritt voran.
Nichts im Widersinn der Ordnung
oder unstet im Taumel.
So soll der Wille geschehen,
um sich zu fügen und daraus zu schöpfen.
Gleichermaßen im Einklang zur Zierde.
Und das Glück erwacht zu neuem Leben.
Wegbereitend und nicht zu viel,
denn genügsam ist der Geist, im Ruhenden zu werden.

Wir sind hier.
Und so rein verschwimmen die Geister.
Nicht in ihren Schatten.
Denn die Lehre muss der Unvollständigkeit weichen,
im zermürbenden Schein der Fackeln.
Ein Räuspern im Schall und Rauch.
Und der Zunder schwelt.
Sogar schon jetzt.
Aber kein Bereich gewährt den Zutritt,
sollte der Ausgang verschlossen sein,
auf der anderen Seite,
dort wo wir die Suppe auslöffeln,
die wir geerntet haben aus den Blüten der Erde.

Verharren wir in Gegensätzen,
dem Ungetüm ein gekränkter Bach.
Gesondert und vernagelt
hinter geschwärzten Brettern.
So sehen wir das Unter und Über,
das Heil im Himmel,
die Stärke im Herzen
und den Halt im Grund.

derSteve
Site Admin
Beiträge: 17
Registriert: Do Apr 02, 2020 7:41 am

Re: Schutz

Beitrag von derSteve »

Hallo Elli,

vielen Dank für diesen Text. Bei unseren "echten" Treffen in Chemnitz gibt es auch immer wieder Besucher mit Textbeiträgen. Und in diesem Kontext möchte ich dir nochmal "Hallo" sagen. :)

Ich habe deinen Text jetzt ein paar mal gelesen.
Mir persönlich fällt es etwas schwierig, einen klaren Blick darauf zu bekommen.
Es ist eher eine Ahnung. Ich irre mich bei der Interpretation von Lyrik hin und wieder auch.
Sollte das der Fall sein, nehm es mir bitte nicht übel. :)

Was mir auffällt:

1. Ich verstehe den Text als Monolog. Jemand sinnt über einen Zustand.
(Ich verwende jemand in der weiteren Betrachtung als lyrisches ich.)

Ich kann im Text Motive der "Sinn-Suche" erkennen, aber auch Beobachtungen über den Allgemeinzustand einer Gesellschaft. Dazwischen immer wieder Warnungen und Hinweise.
Ich kann auch soweit gehen, und das in die Gegenwart setzen. Ich könnte aber auch jede beliebige Zeit einsetzen. Die Thematik ist zeitlos. Das Gedicht dadurch ebenso.

Der Text wirkt aufmerksam und beobachtend. Jemand betrachtet sich als Teil des Ganzen - spricht von "wir". Jemand wirkt aber auch Machtlos, angesichts der Größe des "wir".
Was "wir" auslöffeln und das "wir" verharren, scheint nicht direkt in seinem Einfluss zu liegen:
"Wir warten auf die Folgen".

Noch ein paar Anmerkungen:

1. Textstelle:
Und so rein verschwimmen die Geister.
Das ist so ein Punkt, an dem ich möglicherweise nicht ganz mitkomme. Liegt aber vermutlich an der komprimierten Form.
Ich bekomme nur eine Ahnung davon, was gemeint sein könnte: Reine Geister, die aber durch ihre Vielzahl verschwimmen?
Das macht es weniger leicht zugänglich.


2. Textstelle:
dort wo wir die Suppe auslöffeln, die wir geerntet haben aus den Blüten der Erde.
2. a) Der gesamte Text wirkt sehr erwachsen, fast schon weise, und förmlich elegant.
An der Textstelle "wo wir die Suppe auslöffeln" bricht dieser Eindruck.
Auf einmal bewegen wir uns in einer Alltagssprache. Ist das gewollt?

2. b) "... Suppe [...] die wir geerntet haben aus den ..."
Suppe erntet man nicht. Man erntet die Zutaten, und kocht daraus dann die Suppe.

3. Textstelle
dem Ungetüm ein gekränkter Bach
Auch eher eine Ahnung. "gekränkter Bach" erschließt sich mir nicht.

4. Textstelle: letzter Absatz
Hier wechselt die Betrachtungsweise auf einmal.
Auf der einen Seite überraschend. Aber eher dadurch, dass es verbreitet ist, eine Moral ans Ende zu stellen, oder zumindest etwas belehrendes. Das hat der Text aber gar nicht nötig.


Ansonsten eine gute Arbeit! Der Text selbst wirkt auf mich, als wäre er Teil von etwas größerem, was erstaunlich gut zu seinem Inhalt passt. Ich persönlich möchte jemand immer wieder widersprechen, muss aber doch überlegen, ob ich damit Recht hätte..
Jemand wirkt in seiner Betrachtung distanziert. Das könnte auch der Grund sein, warum jemand zu kühl und zu rational wirkt.

Der Text gefällt mir sehr gut. Regt zum Nachdenken und Streiten an. Wenn man die genannten Stellen evtl. nochmal überarbeitet, könnte er sogar noch besser werden. :)

Elli
Beiträge: 8
Registriert: Do Jul 23, 2020 7:45 am

Re: Schutz

Beitrag von Elli »

Hallo Steve :-)

und vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar. Die Textstellen werde ich mir noch einmal zu Gemüte führen. Deine Betrachtungsweise gefällt mir. Der Jemand und das Wir sind tatsächlich wichtig im ganzen Zusammenhang. Das Gedicht ist im Mai 2019 entstanden. Heute ist dieser Text für mich eine wichtige Erinnerung.
Bei einem "echten" Zusammentreffen würde ich mich sehr freuen, dabei zu sein.

derSteve
Site Admin
Beiträge: 17
Registriert: Do Apr 02, 2020 7:41 am

Re: Schutz

Beitrag von derSteve »

Hi Elli,

so ungefähr funktioniert es auch in der Werkstatt. Die Texte werden besprochen und es wird auch gern mal diskutiert.

Aktuell haben wir Sommerpause. Und wie es nach der Pause aussieht, kann ich noch nicht sagen.
Unser gewohnter Veranstaltungsort war wegen der Beschränkungen bis zuletzt nicht nutzbar. Aber der Vorstand arbeitet an einer Lösung.

Ich halte dich gern auf dem Laufenden.
Ansonsten wird auf jeden Fall der Veranstaltungsplan auf der Webseite wieder aktiviert,
sobald was genaues feststeht.

silver-curl
Beiträge: 19
Registriert: Di Apr 28, 2020 4:48 pm

Re: Schutz

Beitrag von silver-curl »

Hallo, Elli
auch von mir ein herzliches Willkommen in unserem Forum. Ja, ich habe diesen Text auch schon mehrere Male gelesen und muss Steve recht geben, so richtig will sich mir der Zusammenhang auch nicht erschließen. Obwohl die meisten Textstellen ein starkes Bild ergeben "aber was will mir hier der Künstler sagen"
fragt sich nun silver-curl

Elli
Beiträge: 8
Registriert: Do Jul 23, 2020 7:45 am

Re: Schutz

Beitrag von Elli »

Hallo silver-curl

Danke und liebe Grüße zurück :)
Was es heißen soll.. ganz allgemein ist es erstmal die Entstehung an sich. Für mich etwas, was man in einem Moment mit sich trägt, das gleichzeitig ganz nah und ganz weit weg ist. Und es bricht, sobald man den Stift ansetzt. Was es am Ende bringt? Schwer zu sagen. Vielleicht die Erleichterung, dass kein Muster fehlerfrei ist, ohne sich zugleich darauf zu fixieren. Nähe und Distanz bzgl Mensch, Natur und dem, was wir darüber hinaus sehen, aber nicht anfassen können. Ich mag diese Faszination sehr :)

Klaus Edelmann
Beiträge: 24
Registriert: Do Apr 02, 2020 3:34 pm

Re: Schutz

Beitrag von Klaus Edelmann »

Hallo Elli,

Dein Text ist unglaublich anziehend.
Doch jetzt erst ist mein Kopf frei genug für einen Kommentar.

Ein wunderschön bebildertes Hin und Her des Entstehens, Sehens.
Fast würde ich meinen, hier ist das Wissen um das Falsch und Richtig, das richtig oder falsch sein kann, ausgelotet worden. Mit einem Schuss Realität, auch Warnung oder Mahnung als Würze.
Haben wir das richtig Lot? Oder ein gefälschtes? Wer kann es wissen?

Und so mag ich bei meinen Anmerkungen auch falsch liegen.

Gleich am Anfang des Textes, zweite Zeile stört mich das „zu nehmen“ sehr. Irgendwie fehlt mir da die Sicht des Autors. Weil es des Nehmens schon zuviel war. Aus meiner Sicht. Ein Grund des Versteinerns. Weshalb mir sofort die Formulierung „.. einem Land, das so viel geben könnte.“ in den Sinn kam.

Auch das Ende des Textes lässt mich Grübeln. Doch ich denke: Das darf er.

Einige Bemerkungen zu Formulierungen.
1. Strophe 8. Zeile „Und im Sturm der gezielten Wandel.“ Da in der heutigen Zeit ein Wandel den anderen voraussetzt, und ich sicher bin, das genau das (außer bei Politikern) immer bedacht wird,
würde ich „ Im Sturm gezielten Wandelns.“ formulieren.
Das „Und“ scheint mir durchaus lässlich, dem Rhythmus würde es m. E. gut tun.

2. Strophe 4. Zeile: „Und wir werden es einen.“
Auch wenn es Dir wichtig scheint: Das „wir“ könnte wegfallen. Es ergibt sich doch
aus dem Zusammenhang. Mich stört es im Rhythmus.

Vorletzte Zeile: „Wegbereitend und nicht zu viel,...“
Wenn im ganzen Text das Wort „und“ schon arg strapaziert wird, hier darf es m. E.
für den Lesefluss auf jeden Fall fehlen.

4. Strophe letzte Zeile: "...und Halt im Grund"
Soll das „und“ hier wirken, sollte es eine Zeile für sich haben, würde damit betont.
Ansonsten düfte es auch ier fehlen.

Letzte Bemerkung: Sehr gerne gelesen.

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